„Und wieder
zog sich die Straße zu einem schmalen weißen
Band zusammen, die Unterführungen schienen
nur kleine schwarze Löcher zu sein. Bei der
Geschwindigkeit, die ich durchfuhr, musste
ich sehr exakt lenken. Doch noch bevor das
Gehirn die notwendige Handlung erkannt
hatte, war der Wagen bereits vorbeigerast.“
Rudolf Caracciola |
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Mercedes-Benz-Rekordwagen
1938 |
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Die Vorstellung eines neuen Wagens,
und besonders dann, wenn es sich um einen Rennwagen
handelt, wird in den 30er Jahren des vorigen
Jahrhunderts gerne mit imposanten Rekorden
untermalt. So holt sich zu Beginn des Jahres 1934
die eben gegründete AutoUnion auf Anhieb den
begehrten Stunden-Weltrekord und bietet damit ein
überzeugendes Bild ihrer Leistungsfähigkeit.
Natürlich ist es auch eine Herausforderung an den
etablierten Konkurrenten in Stuttgart-Untertürkheim.
Der Konter von
Mercedes-Benz kommt Ende 1934, als Rudolf
Caracciola in Gyon in Ungarn und auf der
Berliner Avus neue Rekorde fährt. Das Duell
ist eröffnet und setzt sich bei den großen
europäischen Rundstrecken-Rennen der 750
kg-Formel und den herbstlichen Rekordwochen
in den nächsten Jahren fort. Die
Silberpfeile und ihre Gegner sorgen stets
für Spannung.
Im Mai 1937 findet auf der Avus das bis
dahin schnellste Rennen der Welt nach der
„Freien Formel“ statt, bei dem Hermann Lang
als Sieger mit einem vollverkleideten W 125
einen Durchschnitt von 261,7 km/h erzielt. |
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Rudolf Caracciola
(1901-1959) |
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Dieser Stromlinienwagen,
ausgestattet mit einem
V12-Zylindermotor anstelle des
V8-Zylinders der 750 kg-Rennformel,
soll die Basis sein, mit der
Mercedes-Benz im Herbst des gleichen
Jahres den
Geschwindigkeits-Weltrekord
angreifen will.
Allerdings gibt es dafür in Europa
nicht so gute Bahnen wie den Salzsee
bei Bonneville im US-Bundesstaat
Utah. Teilstücke der im Entstehen
begriffenen Autobahnen in
Deutschland bieten sich als Ersatz
an. Als exzellente Strecke für
Hochgeschwindigkeits-Rekordversuche
entpuppen sich die 34 Kilometer
nagelneuer Autobahn zwischen
Frankfurt und Darmstadt, wo es keine
Gefälle gibt.
Der DAB
V12-Kompressormotor leistet 736 PS
Der für Weltrekord-Versuche
vorgesehene Mercedes-Benz DAB V12
stammt ebenso wie der Achtzylinder
der 750 kg-Formel aus dem
Grand-Prix-Sektor. Nach Überzeugung
seiner Schöpfer besitzt er genügend
Potential für die gestellte Aufgabe.
Sein Hubraum ist mit 5577 cm³ nicht
viel größer als der des
Achtzylinders, seine Leistung aber -
in der Endfassung von 1938 sind das
736 PS mit dem enormen Drehmoment
von 100 mkp (rund 1000 Nm) -
erreicht kein anderer Motor aus der
an leistungsfähigen Renntriebwerken
nicht gerade armen Mercedes-Benz
Palette der 30er Jahre.
Auf dem Aluminium-Kurbelgehäuse
stehen die aus je zwei Dreierblöcken
bestehenden Zylinderreihen des DAB
in einem Winkel von 60°. Er hat
geschmiedete Stahlzylinder, und die
je vier Ventile pro Zylinder im
aufgeschweißten Kopf hängen
ebenfalls in einem Winkel von 60°
zueinander, gesteuert von vier
obenliegenden Nockenwellen.
Im Gegensatz zu der bei V-Motoren
üblichen Bauweise mit versetzten
Zylindern stehen diese beim DAB
genau gegenüber. Möglich ist diese
Bauform durch spezielle Pleuel, bei
denen die der rechten Zylinderreihe
einen „normalen“ Fuß haben, die der
linken Reihe jedoch einen
gegabelten, der den Fuß des
„Partners“ auf der Kurbelwelle
umfasst. Die beiden V-förmig
angeordneten Kompressoren an der
Stirnseite des Motors werden über
eine als Verlängerung der
Kurbelwelle dienende Hohlwelle
angetrieben. Der Ladedruck beträgt
1,28 at.
Stromlinien-Karosserie und Rekord-Versuche
Der zweite sehr wesentliche Punkt für die
geplanten Rekordfahrten ist die
Stromlinien-Karosserie. Daimler-Benz hatte
bereits 1935 mit ersten Entwürfen für einen
voll verkleideten, tief auf der Straße
liegenden Rennwagen begonnen. Eine erste -
für Rekordfahrten vorgesehene - Version
steht Anfang 1936 auf den Rädern.
Dieser Wagen, der auch schon über einen voll
verkleideten Unterboden verfügt, ist wegen
seiner kompromisslosen Linienführung nicht
nur für die Fachwelt eine Sensation. Er
erscheint einfach perfekt. Versuchsfahrten
finden mit noch nicht vollständig fertig
gestellter Karosserie statt. Die mit dem
schon 616 PS leistenden DAB V12 erreichten
Geschwindigkeiten stehen in keinem
offiziellen Protokoll.
Aerodynamische Messungen und ständige
Verbesserungen an der Außenhaut prägen die
weitere, sehr zeitraubende Entwicklung. So
bedeutet zum Beispiel die Verwendung eines
gewölbten anstelle eines eckigen
Windschutzes vor dem offenen Cockpit eine
Verbesserung des cW-Wertes um 0,017. Schritt
für Schritt geht es konsequent in Richtung
des angepeilten Ziels
„Geschwindigkeits-Weltrekord“. |
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Mercedes-Benz-Rekordwagen,
1938 |

Mit diesem Rekordwagen wurde
auf der Autobahn
Frankfurt/Main-Darmstadt
durch Rudolf Caracciola ein
neuer Rekord aufgestellt.
Fliegender Kilometer:
Durchschnittsgeschwindigkeit
432 km/h. |
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Im Herbst 1936 fährt Caracciola
auf der Autobahn bei Frankfurt unter
anderem drei Klassenrekorde über 5
und 10 Kilometer sowie über 10
Meilen, wobei letzterer mit einem
Durchschnitt von 333,5 km/h über den
Klassenrekord hinaus sogar
Weltrekord bedeutet.
Bis zum Avus-Rennen im Mai 1937
wandeln sich Silhouette und Leistung
des Rennwagens. Der Bug zeigt sich
ausgeprägter und niedriger, die
Kühlluftöffnung kleiner, die
Radbelüftung besser, auch deswegen,
weil das Rennen ohne Vollabdeckung
der Räder gefahren wird. Außerdem
erhält der Auspuff eine eigene
Kühlluft-Zuführung zur Verringerung
der Hitze im Cockpit. Beim Training
zeigt sich erstmals eine
aerodynamische Schwachstelle, als
der Wagen von Hermann Lang nach
einer Bodenwelle bei etwa 370
Stundenkilometern vorne kurz abhebt.
Er hat zuviel Auftrieb. Das Problem
bekommen die Techniker kurzfristig
durch Änderungen an der Front in den
Griff.
Für die Rekordversuche im Herbst
1937 erfährt die Karosserie nochmals
eine Verbesserung. Sie wird länger,
schmaler und noch ein paar
Zentimeter niedriger. Der cW-Wert
liegt mittlerweile bei 0,181. Auch
der DAB V12 steht mit 679 PS schon
richtig gut da, denn Zusatzvergaser
sorgen nun auch bei Höchstdrehzahl
für ausreichende Füllung der
Brennräume.
Auf Hochglanz poliert, geht es im
Herbst, zwischen dem 25. und 31.
Oktober, ab nach Frankfurt zur von
der ONS (Oberste Nationale
Sportbehörde in Deutschland)
veranstalteten Rekordwoche.
Probefahrten mit sehr hohen
Geschwindigkeiten zeitigen erneut
das „Avus-Leiden“. Caracciolas Wagen
hebt vorne ab. Also zurück ins Werk,
neuerliche Änderung der Nase – und
Installation von 90 Kilogramm Blei
im Bug. So präpariert, erzielt
Caracciola am 28. Oktober 397 km/h
für den „fliegenden“ Kilometer. Aber
die AutoUnion hat in der
Zwischenzeit 406 km/h erreicht.
Außerdem stellen sich am DAB
Probleme an Kolben und
Kraftstoffzufuhr ein.
Eiskühlung und cW 0,157
Für Januar 1938 richtet die ONS eine
„Revanche-Woche“ ein. Für
Mercedes-Benz darf jetzt nichts mehr
schief gehen. Der DAB V12 erhält
daher in etlichen Details wie
Kolben, Kolbenspiel, Kolbenbolzen,
Vergasern, Ansaugkrümmern und
Kompressor-Antrieb einen Feinschliff
nach allen Regeln der
Motorenbaukunst. Danach ist er nicht
wieder zu erkennen. Es ist mit
nunmehr 736 PS Höchstleistung der
stärkste Automobil-Motor, den
Daimler-Benz bis dato gebaut hat.
Die Karosserie selbst und nicht etwa
ein Modell wie bei den
vorangegangenen Modifikationen
erhält in der Deutschen
Versuchsanstalt für Luftfahrt in
Berlin ihre endgültige Form. Aus
aerodynamischen Gründen verzichten
die Entwickler unter anderem auf die
Luftkühlung, denn für die
vergleichsweise kurzen Rekordläufe
genügt Eiskühlung. Dadurch kann der
großzügig bemessene Kühllufteinlauf
auf zwei kleine Einström-Öffnungen
für die vier Saugvergaser
schrumpfen.
Weitere Verbesserungen wie die
zwischen den Vorderrädern noch
flachere Frontpartie, eine
nochmalige Verlängerung des Hecks
mit Abrisskante, in die Karosserie
integrierte anstelle aufgesetzter
Vollverkleidungen der Räder,
Anströmabdeckungen für die in der
Flanke mündenden Auspuff-Endrohre
und eine abgerundete Glaskanzel vor
dem Cockpit führen zu dem bis dahin
noch von keinem Automobil erreichten
sensationellen cW-Wert von 0,157.
Makellos, hochglanzpoliert,
kraftstrotzend, ist der Stromlinien
Mercedes-Benz bestens gerüstet für
einen neuerlichen Rekordversuch. Der
Wagen ist jetzt 6250 Millimeter lang
und 1850 Millimeter breit. Vorne
laufen Reifen der Dimension 6,25 x
22 Zoll, hinten 7,00 x 24 Zoll.
Trocken wiegt er 1185 Kilogramm.
Weltrekord mit 432,7 km/h
Der Morgen des 28. Januar 1938 ist
wolkenverhangen, aber es liegt kein Schnee.
Caracciola ist schon um fünf Uhr an der
Strecke, will aber erst starten, wenn der
morgendliche Raureif abgetrocknet ist. Kurz
nach acht Uhr unternimmt er eine erste
Probefahrt, der sich nach letzten
Vorbereitungen sofort der eigentliche
Rekordversuch anschließt.
„Der Wagen lag wunderbar auf der
Strecke – das konnte ich schon bei der
Probefahrt erfreut feststellen. Er lag ganz
anders als der Wagen vom letzten Jahr.“ So
der Kommentar von Rudolf Caracciola, als die
Mercedes-Benz Mannschaft eine Stunde später
beim Frühstück sitzt.
Sie haben es alle miteinander geschafft und
ahnen nicht, dass die 432,7 km/h für den
fliegenden Kilometer und die 432,0 km/h für
die fliegende Meile, die Mittelwerte aus
Hin- und Rückfahrt, bis heute die
schnellsten jemals auf öffentlichen Straßen
gefahrenen Geschwindigkeiten sein werden. |
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