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Ich finde mich in einer großen Menschentraube wieder - und diesmal weiß ich auch sofort, wo ich bin. Ich habe schon oft hier in der Nähe gestanden und ihn bewundert - so neu habe ich ihn allerdings noch nie gesehen. Die Menge scheint aufgeregt, noch weiß ich nicht warum, aber dann höre ich immer wieder einen Namen: Levassor. Ich bin mir bewusst, dass ich hiermit Zeitzeuge eines Meilensteines der Automobilgeschichte werde, denn ich befinde mich in Paris, und zwar im Jahre 1896, und was ich vor mir sehe, ist der sieben Jahre alte Eiffelturm. 32 Autos waren am Tag zuvor beim als 2. GP von Frankreich in die Geschichte eingegangenen Autorennen Paris-Marseille-Paris gestartet. 14 Wagen werden heute ihr Ziel erreichen. Emile Levassor, ein rennsportbegeisterter Pionier der Automobilgeschichte, ist heute mit seinem Panhard so schwer verunglückt, dass er nicht nur seine Motorsportkarriere, sondern auch seine Konstrukteurslaufbahn beenden wird. Ein Rückschlag für die Entwicklung des Automobils, denn die von Rene Panhard und Emile Levassor seit 1890 gebauten Fahrzeuge mit Daimler-Motor arbeiteten sehr innovativ. Das Modell 1891 war das erste Auto der Welt mit vorn eingebautem Motor. Der Antrieb erfolgte mittels Kette auf die Hinterachse.

1891 Panhard und Levassor 1.75cv 12km/h - Motor Daimler P2C

(Typ P2C Nr. 77, à Capote, de l'Abbé Jules Gavois, 1891)
(By Alf van Beem (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Ein Bild vom Zieleinlauf und schon setzt sich meine Zeitmaschine wieder in Bewegung, dieses Mal aber nur für ein kleines Stück Zeitgeschichte, denn ich lande im Jahr 1903 und bleibe in Frankreich. Dem Mann, dem ich über die Schulter schaue, ist Gustave Desire Lebeau und auch wenn der Name nun nicht jedem gleich geläufig ist, so haben wir mit seiner Erfindung jeden Tag zu tun, ja mehr noch, wir sind sogar gesetzlich verpflichtet, seine Erfindung zu nutzen. Jetzt hier im Jahre 1903 weiß Lebeau natürlich noch nicht, was für eine die automobile Welt bewegende Idee er gerade zu Papier bringt. Seine gekreuzten Bänder, bestehend aus einem Beckengurt und zwei verstellbaren Schultergurten werden einige Jahrzehnte später in jedem Automobil der Welt verbaut sein und Sicherheitsgurt heißen. Doch bis es soweit ist, nämlich 1959, als der Volvo Amazon das erste Serienfahrzeug mit statischen Dreipunktgurten ist, wird diese Erfindung bestenfalls im Motorsport und in der Fliegerei genutzt.

"Mein Auto ist weg", ist das erste, was mir einfällt, als ich auf Hörweite des Bauers bin.
"Schon wieder so ein Verrückter", bekomme ich als Antwort. Ich wollte ihn eigentlich noch fragen, wo ich eigentlich bin, aber nach der ersten Einschätzung meiner Person verkneife ich mir die Frage.

Stattdessen erkenne ich in der Ferne eine Straße und wo eine Straße ist, da gibt es auch irgendwann einen Ort. Also per Pedes durch die Felder.

Eine gute Stunde laufe ich nun schon auf dieser Straße. Na ja, so richtig verdient hat sie diesen Namen nicht, denke ich, als ich in der Ferne endlich ein mir bekanntes Geräusch ausmache - ein Auto. Dann sehe ich auch etwas, aber wie ein Auto sieht das aus der Ferne nicht gerade aus. Drei Räder, keine Karosserie und im offenen, an eine Kutsche Beachtung finden. Da ich mich schon einmal in Frankreich befinde, verhilft mir die Kamera meines Mobiltelefons zu einem weiteren kleinen Sprung. Erstaunlicherweise ist Frankreich zu Beginn des letzten Jahrhunderts immer wieder der Ort des Geschehens, wenn es um wesentliche Änderungen im Automobilbau geht. So findet auch meine Kurzvisite ins Jahr 1907 in Frankreich statt, um mir den ersten handbetätigten Scheibenwischer der Welt anzuschauen. Nur ein Jahr später schaue ich noch bei der Firma Solonux vorbei, wo das erste Stopplicht mit Ölbetrieb vorgestellt wird. Nunmehr auf den Geschmack des Zeitreisens gekommen, beschließe ich, einen Blick über den Atlantik zu werfen.

Mein Weg führt mich ins Jahr 1913 ins Ford Werk in Detroit. Hier wird seit 1908 das T-Modell gebaut - die Tin Lizzy. Im Jahr 1913 aber realisiert Henry Ford seine den gesamten Automobilbau revolutionierende Idee - er lässt das T-Modell am Fließband fertigen. Bis 1928 werden 15 Millionen T-Modelle das Werk verlassen. Durch die Umstellung der Produktion auf Fließbänder kann Ford den Preis für das T-Modell dritteln und die Löhne für seine Arbeiter verdoppeln. Dafür nehmen seine Bandarbeiter auch Fords Schrulligkeit in Kauf.

Fliessbandfertigung bei Ford 1913

(Erste Fließbandfertigung für Pkw - 1913 photograph Ford company, USA)

Der passionierte Nichtraucher gestattet nämlich auf dem gesamten Werksgelände keinen blauen Dunst, und so erkennt man die Fordarbeiter an ihren dicken Wangen, weil sie permanent Kautabak konsumieren, um dem Entzug des Glimmstängels zu begegnen.
Der Erfolg des T-Modells liegt im Wesentlichen in den Tatsachen begründet, dass der Wagen eine sehr große Bodenfreiheit besitzt und vom Werk aus mit einer Vielzahl von Karosserieaufbauten geliefert wird. Selbst vor einer Rennversion schreckt der Erfinder der Fließbandfertigung nicht zurück.

Damit sich der Weg nach Amerika auf meiner Reise rechtfertigt, bleibe ich auch gleich in Detroit, springe aber im Kalender sechs Jahre nach vorn und erlebe die Premiere der ersten dreifarbigen Lichterampel der Welt.

Nicht nur das Heimweh nach Europa bringt mich zurück nach Deutschland. Ein Trauerfall in der Familie Maybach und meine Zeitmaschine bietet mir die Möglichkeit, Abschied zu nehmen von einer bedeutenden Personen des deutschen Automobilbau. Wir schreiben den 29. Dezember 1929, als der König der Konstrukteure, Willi Maybach, im Alter von 63 Jahren seinem Sohn Karl endgültig die Leitung seines 1907 gegründeten Unternehmens überlassen muss. Maybach, der als Waise aufgewachsen war und von dem damaligen Leiter der dem Waisenhaus zugehörigen Maschinenfabrik, Gottlieb Daimler entdeckt und gefördert wurde, hatte ab 1882 in Cannstatt mit seinem Förderer, anfänglich in einem Gewächshaus, an der Entwicklung eines Verbrennungsmotors geforscht. Gemeinsam schufen sie 1885 das hölzerne Reitrad, das mit einem 0,5 PS starken Motor angetriebene erste Motorrad der Welt. Die grundlegenden Entwicklungen auf dem Gebiet des Automobilbaus dieser beiden Tüftler hatten den Grundstein für viele Autoentwicklungen in Europa gelegt.

Nicht zuletzt die französischen Autobauer, die mit einer Vielzahl von Erfindungen zu Beginn des letzten Jahrhunderts aus der Motorkutsche langsam aber sicher ein Automobil werden ließen, wurden von den Ideen aus Cannstatt geprägt. Neben Vergaser, Kühler und Kupplung verdanken wir heute Wilhelm Maybach vor allem das Bestehen der Firma Mercedes, denn der erste Mercedes aus dem Jahr 1900 entstammte ebenfalls dem genialen Autokonstrukteur. Bei dieser meiner traurigen Stippvisite zum Tode des Wilhelm Maybach lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, mein Bedauern auch persönlich seinem Sohn Karl auszusprechen. In ihm lebt die Genialität des Vaters fort.

Schon seit 1896 ist Karl im elterlichen Betrieb beschäftigt. Mehr und mehr übertrug ihm sein Vater immer mehr Unternehmensverantwortung und Karl erwies sich dieser als würdig. Ab 1922 zeichnet Karl für die Luxusautomobile der Maybach Manufaktur verantwortlich. Die Fahrzeuge, die vor allem für den Adel und Staatsoberhäupter als adäquate Fortbewegungsmittel gebaut wurden, setzen an Ausstattung und Technik Maßstäbe. Sein Denkmal setzt sich Karl 1929 mit der Vorstellung des Maybach Typ 12, dem ersten V-12 Zylinder der Welt. Knapp 20 Jahre später wird Karl Maybach einen Motor bauen, der dem des Bugatti Veyron, mit dem ich meine Zeitreise startete, fast in einem Punkt gleichkommt - er baut einen Motor mit 1000 PS.

Maybach Zeppelin DS-8 Bj.32 

(1929 ist es soweit: Der Maybach „Typ 12“ mit dem 150 PS starken Sieben-Liter-Zwölfzylinder-V-Motor stellt sich vor. Ihm folgt Mitte 1930 der legendäre Maybach „Zeppelin“ Typ DS 7 mit dem gleichen Triebwerk und Doppelschnellganggetriebe. Die DS 8-Variante mit acht Litern Hubraum leistet 200 PS und ist ab 1931 lieferbar.)

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