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Mercedes-Benz 300 SLR (W 196 S)

 
  • Zwei Sitzplätze und ein Grand-Prix-Motor
  • Der Gitterrohrrahmen wieg nur 60 Kilogramm
  • Die Bestzeit von Stirling Moss bei der Mille Miglia 1955 gilt bis heute
Wie sich die Bilder gleichen: Im Jahr zuvor ist Mercedes-Benz mit zwei Rennen Verspätung zum Formel-1-Einstand erschienen, mit dem bekannten Ergebnis – Juan Manuel Fangio holt sich mit dem
W 196 R die Fahrerkrone (wobei seine beiden anfänglichen Maserati-Siege seinem Punktekonto zugute kommen) und damit dem Unternehmen Ruhm und Ehre. 1955 bleibt man ebenfalls den ersten Läufen zum Sportwagenchampionat in Buenos Aires und Sebring fern, um mit dem inzwischen voll ausgereiften 300 SLR dort aufzutrumpfen, wo es wirklich zählt, bei den Klassikern Mille Miglia, Le Mans, Tourist Trophy und Targa Florio. Das Kalkül geht auf, wenn auch knapp. Erst das sizilianische Abenteuer Mitte Oktober sichert Mercedes-Benz die Markenmeisterschaft, dort darf der Rivale Ferrari nicht über Rang drei hinauskommen. So geschieht es, abgesichert von einer Streitmacht ohnegleichen. Acht Rennfahrzeuge und acht schwere Lastwagen sowie 15 Personenwagen werden in Palermo aus der Fähre aus Richtung Neapel gehievt, betreut von 45 Mechanikern. Ein solches Maß an Vorbereitung, Präzision und logistischem Aufwand, lobt SLR-Pilot Stirling Moss gern, sei ihm während seiner ganzen langen Karriere kein zweites Mal begegnet.
 
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Mercedes-Benz 300 SLR (W 196 S)Rennsportwagen mit dem Stirling Moss bei der Mille Miglia 1955 siegreich durchs Ziel fuhr.

Zwei Sitzplätze und ein Grand-Prix-Motor
Man hat den 300 SLR schon für die 24 Stunden von Le Mans 1954 gemeldet, dann jedoch kurzfristig zurückgezogen. Erst im September absolviert ein Prototyp im Park von Monza erste Testrunden, mit 860 Kilogramm Trockengewicht einschließlich zweier Reserveräder im Gepäckabteil. Gut Ding will Weile haben, und ein Premium-Produkt ist der silberne Renn-Roadster wirklich, robust wie ein Panzer, aber agil wie eine Dschungelkatze, wie es der wortgewandte 300 SLR-Pilot John Fitch in seinem autobiographischen Buch „Racing with Mercedes“ auf den Punkt bringt. Bereits seine interne Bezeichnung W 196 S verweist auf die nahe Verwandtschaft zum zeitgenössischen Grand-Prix-Silberpfeil, der in der Tat überall Pate steht. Bei seinem Motor, mit zwei Millimeter mehr Bohrung und 9,2 Millimeter mehr Hub auf 2982 Kubikzentimeter Volumen gebracht, handelt es sich um die höchste Ausbaustufe von dessen Reihenachtzylinder, 296 PS (218 kW) bei 7400/min stark. Empfohlene Drehzahl, Leistung und Tankvolumen wechseln je nach Charakter des anstehenden Rennens zwischen Sprint (wie beim Eifelrennen auf dem Nürburgring über 228,1 Kilometer) und Marathon (wie in Le Mans). Nach Art der Väter 40 Jahre zuvor sind Kopf und Zylinder eine Einheit, die beiden Vierer-Blöcke (jeder wiegt 17,5 Kilogramm) bestehen indessen aus Silumin statt Stahl wie noch der Motor des W 196 R. Mit einem Einbaugewicht von 235 Kilogramm wartet dieses Aggregat mit erstaunlicher Standfestigkeit auf. Eines wird auf dem Dynamometer bei Renndrehzahlen über 9800 Kilometer und 32 weitere Stunden getestet. Nur die Ölringe tauscht man nach 5954 Kilometern aus. Im Winkel von 57 Grad nach rechts geneigt, ruht es noch vier Grad tiefer im Chassis des SLR, das gleichwohl im Hinblick auf die zum Zyklus zählenden strapaziösen Straßenkurse erheblich mehr Bodenfreiheit wahrt als der Einsitzer. Gespeist wird es mit einer Mischung aus 75 Prozent Tankstellentreibstoff, 15 Prozent Methylalkohol und zehn Prozent Benzol.

Fast unangetastet, wenn auch auf die besonderen Gegebenheiten beispielsweise der beiden italienischen Läufe zugeschnitten, wird die Radaufhängung des W 196 R übernommen, mit doppelten Querlenkern vorn und einer Schwingachse hinten. Der Gitterrohrrahmen des Sportwagens, 60 Kilogramm leicht, ist eher dem 300 SL von 1952 entlehnt, ein üppiges Fachwerk von Röhren mit einem Durchmesser von 25 Millimeter bei einem Millimeter Wandstärke vor allem im Bereich der tief angesiedelten Flanken und stärkeren Verstrebungen im Umfeld der Aufhängung. Es muss schließlich Raum für zwei Personen bieten. Im Übrigen werden der zuständige Ingenieur Ludwig Kraus und sein Team durch die Vorgaben im Anhang J der FIA-Regularien in die Pflicht genommen, welche nach zwei Türen verlangen und die Maße des Passagierraums abstecken. Dennoch sitzt der Fahrer wie im Rennwagen mit gespreizten Beinen über dem Kupplungstunnel. Das abnehmbare Lenkrad des 300 SLR ist links angesiedelt, im Unterschied zu seinen Widersachern von Jaguar oder Ferrari, obwohl diese damit eigentlich besser für die europäischen Kurse gerüstet sind, die im Uhrzeigersinn gefahren werden.

Nur bei der Mille Miglia sind zwei von vier Piloten tatsächlich mit Beifahrer unterwegs: Der rotbärtige englische Motorjournalist Denis Jenkinson unterstützt Stirling Moss und erfindet dafür das „Gebetbuch“, einen Aufschrieb der gesamten Strecke mit Gefahrenpunkten, Abzweigungen und Tempovorgaben. Hans Herrmann wird von Fangios Mechaniker Hermann Eger begleitet. Fangio selbst und Karl Kling ziehen es jedoch vor, solo zu starten. Der zweite Mann an Bord hat unter anderem die kuriose Aufgabe, im Falle eines Falles eine Hupe zu betätigen, da der Virtuose am Volant ja alle Hände voll zu tun hat.

Bremshilfen verbessern die Verzögerung
In Le Mans machen die silbernen Zweisitzer später zunächst Furore mit unkonventionellen Bremshilfen. Zum einen lässt sich mit Hilfe von vier Knöpfen ein Schuss Öl in die jeweilige Bremstrommel sprühen, wenn ein Rad blockiert, was damals bei Fahrzeugen aller Marken verhältnismäßig oft passiert. Zum anderen reckt sich, vom Fahrer per Hand aktiviert, bei Bedarf am Fahrzeugheck eine zusätzliche Luftbremse in den Fahrtwind. Die Wirkung ist beachtlich: Er sei wie von einem Gummiseil zurückgehalten worden, erinnert sich John Fitch. Und: Bevor sie beim Herausbeschleunigen aus einer Kurve ganz in ihre Ruhestellung zurückgekehrt sei, habe sie die Traktion deutlich verbessert, merkt Moss an.

Noch einmal eingesetzt wird die Luftbremse beim Großen Preis von Schweden in Kristianstad Anfang August. Zu diesem Rennen, das nicht zum Championat zählt, reiste Gast-Pilot Wolfgang Graf Berghe von Trips im sogenannten Uhlenhaut-Coupé an, einem von zwei geschlossenen SLR-Versionen. Unverkäuflich und höllisch laut, dienen sie vor allem dem persönlichen Transport des Leiters der Rennabteilung – kein Wunder, dass es mit Uhlenhauts Gehör schon nicht mehr zum Besten steht.
 
An das Siegel 300 SLR knüpfen sich Glanz und Elend des Jahres 1955: der Glanz von Moss' Mille-Miglia-Triumph sowie die Siege bei der Tourist Trophy und der Targa Florio.

Auf der anderen Seite steht das Elend von Le Mans, wo bei einem fremdverschuldeten Unfall Mercedes-Fahrer Pierre Levegh (alias Pierre Bouillon) und mehr als 80 Zuschauer das Leben verlieren.

Die Tragödie bestärkt Daimler-Benz in dem schon vorher gefassten Entschluss, sich mit dem Ende der Saison 1955 aus dem großen Rennsport zurückzuziehen – für Jahrzehnte, wie sich zeigen wird.
 
Sieg Mille-Miglia 1955
Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer (Mitte) und Oberingenieur Rudolf Uhlenhaut (ganz links) gratulieren Jenkinson (links) und Moss (rechts) nach dem Sieg der Mille Miglia 1955.
 
 
 
 
 

Technische Daten Mercedes-Benz W 196 S
  • Einsatz: 1955
  • Motor: 8-Zylinder-Reihenmotor
  • Hubraum: 2982 Kubikzentimeter
  • Leistung: 228 kW / 310 PS
  • Höchstgeschwindigkeit: über 300 km/h
 

Mercedes-Bilder:

Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen (W 196 S)
     
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen "722", Siegerwagen der Mille Miglia 1955.
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen mit dem Stirling Moss bei der Mille Miglia 1955 siegreich durchs Ziel fuhr.
     
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Stirling Moss und Denis Jenkinson bei der Mille Miglia 1955, die das Mercedes-Team mit großem Vorsprung gewann.
Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen
Stirling Moss und Denis Jenkinson bei der Mille Miglia 1955
     
Sieg der Mille Miglia 1955
Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer (Mitte) und Oberingenieur Rudolf Uhlenhaut (ganz links) gratulieren Jenkinson (links) und Moss (rechts) nach dem Sieg der Mille Miglia 1955.
Uhlenhaut Coupe
Rudolf Uhlenhaut wurde 1949 Oberingenieur bei Daimler-Benz und konstruierte auf Basis des erfolgreichen 300 SLR Rennsportwagens das legendäre "Uhlenhaut-Coupé". Es war der schnellste Straßensport-wagen der damaligen Zeit.
Benz Renntransporter mit dem Siegerwagen 300 SLR
Großer Preis von Kristianstad, 1. August 1955: Der Mercedes-Benz Renntransporter mit dem Siegerwagen 300 SLR (W 196 S) auf der Ladefläche.

(c) by www.mercedes-benz.de

   
     
 
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