Deutschlands neueste Ferienstraße ehrt
eine Legende
Es war in den ersten Augusttagen des Jahres
1888. Im badischen Land hatten die
Schulferien gerade begonnen. Da öffnet sich
im Morgengrauen in der Mannheimer
Waldhofstraße fast lautlos ein großes
Holztor.
Zwei Jungen schieben ein dreirädriges
Gefährt auf die Straße. Ihre Mutter sitzt
auf einer lederüberzogenen Holzbank an einer
Kurbel und lenkt das Vehikel um die erste
Kurve. Immer wieder sehen die drei nach
hinten, um auch ja sicher zu sein, dass sie
von niemandem bemerkt werden. Als sie sicher
sind, dass sie noch immer nicht entdeckt
worden sind, stellt sich Eugen, der ältere
der beiden Knaben, hinter den Karren. Mit
einem kräftigen Ruck dreht er an dem großen
eisernen Schwungrad, das hinten quer im
Wagen verankert ist - doch nichts geschieht!
Er schaukelt das Schwungrad ein paar Mal hin
und her und verpaßt ihm noch einmal einen
kräftigen Schwung. Unterdessen hat Richard,
der jüngere, an einem Messingrad unter der
Sitzbank gedreht. “Töff … töff … töff”,
antwortet der große Zylinder. Die
Buben springen zu ihrer Mutter auf
den Wagen. Nach einem |
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Bertha Benz mit ihren Söhnen
Eugen und Richard während
der Fernfahrt von Mannheim
nach Pforzheim mit dem
Benz-Patent-Motorwagen im
Jahre 1888. Nachgestellte
Szene (Anschieben)
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Benz |
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kräftigen Zug an dem Hebel, der den
flachen Lederriemen von der Leerlaufscheibe
auf die Arbeitsscheibe befördert, setzt sich
der Motorwagen langsam in Bewegung. So
beginnt eine Fahrt, die in die
Automobilgeschichte eingehen wird!
Zwei Jahre zuvor hatte Dr. Carl Benz, der
Ehemann von Bertha Benz und Vater der beiden
Buben, in Mannheim das Automobil erfunden ,
den Benz Patent Motorwagen Nr. 1
(Reichspatent Nr. 37435 vom 29.1.1886) -
aber niemand wollte das Automobil kaufen.
Erst als Bertha Benz, übrigens ohne sein
Wissen, zusammen mit ihren 13 und 15 Jahr
alten Söhnen durch ihre Fahrt von Mannheim
nach Pforzheim und zurück die
Alltagstauglichkeit der pferdelosen Kutsche
bewies, wurde daraus ein ungeheurer Erfolg -
mit heute fast einer Milliarde Autofahrern
weltweit.
Bertha Benz hat der Welt eine Mobilität
gebracht, ohne die das moderne Leben auf der
Erde kaum vorstellbar ist. Aber diese große
Pioniertat, die dem anfänglich noch
bespöttelten Automobil zum endgültigen
Durchbruch verhalf, drohte in Vergessenheit
zu geraten.
2007 gründeten daher Frauke und Edgar Meyer
in Nordbaden eine Non-Profit-Initiative, die
das Andenken an Bertha Benz bewahren möchte.
Dabei schwebte ihnen keinesfalls ein
steinernes Denkmal vor, sie wollten vielmehr
die dynamische Leistung der großen
Automobilpionierin durch ein genau so
dynamisches Denkmal ehren. Da sie von Anfang
an große Unterstützung durch den Karlsruher
Regierungspräsidenten Dr. Rudolf Kühner
erfuhren, und dessen Regierungspräsidium für
die Genehmigung von Ferienstraßen in
Nordbaden zuständig ist, wurde rasch ein
Verein gegründet und eine Ferienstraße ins
Leben gerufen, die als Straße der
Industriekultur exakt den Spuren jener
ersten automobilen Langstreckenfahrt vom
August 1888 folgt.
Inzwischen ist die Bertha Benz Memorial
Route Mitglied im renommierten ERIH
(European Route of Industrial Heritage
e.V.), die 194 km lange Strecke ist komplett
ausgeschildert und kann jetzt von jedem
befahren werden, der der Einladung der
Initiatoren folgt, mit ihnen auf eine
spannende Entdeckungsreise in die
Vergangenheit zu gehen. |
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Frauke Meyer Gründerin
der Initiative |
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Dabei wird nicht nur das Andenken an die
große Autopionierin
Bertha Benz gewahrt, sondern jeder kann sich
dabei selbst in jene heißen Augusttage des
Jahres 1888 zurückversetzen.
In Wiesloch, einige Kilometer südlich von
Heidelberg, ging Bertha und ihren beiden
Söhnen zum ersten Mal der Sprit aus. Daher
mußten die drei mutigen Automobilisten in
der Stadtapotheke Ligroin kaufen, ein
Reinigungsmittel, das damals als Kraftstoff
diente. So wurde die Apotheke in Wiesloch
zur ersten Tankstelle der Welt - und jeder
kann sie besuchen, denn sie existiert auch
heute noch.
Zwei schlimme Pannen ereilten die drei auf
offener Strecke, so daß mit „Bordmitteln“
repariert werden mußte. Diese beiden eher
dramatischen Situationen beschrieb die
technisch sehr versierte Bertha Benz später
so: „Das eine Mal war die Benzinleitung
verstopft - da hat meine Hutnadel geholfen.
Das andere Mal war die Zündung entzwei. Das
habe ich mit meinem Strumpfband repariert.“
Auf der Rückfahrt mußte sie dann wegen der
ständigen Berg- und Talfahrt zwischen
Pforzheim und Bauschlott (Neulingen) die
verschlissenen Bremsen reparieren lassen.
Sie schrieb später selbst: “Das Stück von
Pforzheim bis Bauschlott denkt mir ein
Lebtag. Denn in Bauschlott mußte ein
Schuster neues Leder auf die Bremsklötze
schlagen, nachdem vorher mehreremal der
Wagen geschoben werden mußte.” Jener
Schuhmacher war Karl Britsch, Anwesen
Pforzheimer Straße 18, welcher der mutigen
Dame vor dem Gasthaus “Adler” das Leder auf
die Bremsklötze ihres Fahrzeugs nagelte.
Die authentische Fahrtroute der Bertha Benz
verknüpft aber nicht nur fast vergessene
Originalschauplätze ihrer Fahrt, sondern
führt auch durch eine der schönsten
Urlaubsregionen Deutschlands, das von der
Sonne verwöhnte Wein- und Genießerland
Baden.
In der Kurpfalz, der Gegend um
Heidelberg, findet man nicht nur viele gut
erhaltene mittelalterliche Städte, sowie
Zeugnisse aus römischer Zeit, hier lebte vor
ca. 600.000 Jahren bereits der „Homo
Heidelbergensis“. Und da er vom
nahegelegenen Mauer aus, dort fand sich der
Unterkiefer, sicher auch einmal die
Heidelberger Gemarkung besuchte, wird er oft
als erster Tourist Heidelbergs bezeichnet.
Sicher siedelte er hier auch wegen der
klimatischen Bevorzugung der Oberrheinischen
Tiefebene und der Bergstraße mit der
frühesten Mandelblüte Deutschlands.
Heidelberg hat nicht nur eine der
ältesten Universitäten Europas mit
vielen weltberühmten Absolventen,
Heidelberg ist auch die Hauptstadt
der Deutschen Romantik. Aber auch
Besucher aus dem Ausland waren schon
immer von der |
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Streckenverlauf der
Fernfahrt, die Bertha Benz
im August 1888 mit Ihren
beiden Söhnen unternommen
hat. |
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Stadt und dem romantischen Neckartal
fasziniert. So weilte
Mark Twain 1878, zehn Jahre vor der Fahrt
der Bertha Benz, drei Monate in der Stadt,
und seine Berichte prägen noch heute
weltweit das Bild von Heidelberg (A tramp abroad).
Der Odenwald bietet dem Wanderer große
Waldflächen, wildromantische Schluchten und
einladende Täler. Der Kraichgau dagegen
bietet sanfte Hügel, exzellenten Wein und
viel kulturelles Erbe. Nur einige Kilometer
abseits der Route liegt Kloster Maulbronn,
Weltkulturerbe der UNESCO, wo bereits
Hermann Hesse (Steppenwolf) Schüler war,
aber auch Johannes Kepler und Friedrich
Hölderlin.
In Pforzheim, Geburtsort der Bertha Benz,
erreicht die Route dann den Schwarzwald,
weltweit bekannt für seine
Schwarzwaldhäuser, seine Kuckucksuhren, aber
auch für die Schwarzwälder Kirschtorte. Wer
davon zuviel gegessen hat, genießt als
Wanderer den riesigen Naturpark mit seinen
tiefen Wäldern; abends bietet sich dann ein
Besuch im mondänen Baden-Baden an.
Verbunden werden alle diese Landschaften
durch das, was das Genießerland Baden so
unvergleichlich macht: Eine badische
Eßkultur, die sich auf das trefflichste mit
der elsässischen und französischen Küche
messen kann, aber auch ein Wein, bei dem der
Spruch „von der Sonne verwöhnt“ wirklich
zutrifft!
Wenn Sie den Spuren der Bertha Benz folgen,
dann werden Sie die gewaltigen Paläste und
märchenhaften Schlösser von Mannheim,
Heidelberg, Bruchsal und Schwetzingen
kennenlernen, aber auch Pforzheim, das
Zentrum der deutschen Schmuck- und
Uhrenindustrie.
Und wenn Sie dann Baden kennengelernt haben,
wo die heutige Mobilität geboren wurde, dann
werden Sie, so versprechen es die
Initiatoren der Bertha Benz Memorial Route,
mit folgendem Lied auf den Lippen scheiden:
„Ich hab‘ mein Herz in Heidelberg verloren!“
Weitere Infos:
www.bertha-benz.de |