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Um
seine Entstehung rankt sich eine
Fülle von Legenden – der 350 GTV ist
das Auto, mit dem die
Sportwagen-Story bei Lamborghini
begann.
Der Gran Turismo mit dem starken
V12-Motor entstand 1963 als Showcar.
Er blieb ein Einzelstück
und ein faszinierendes Kapitel
Technikgeschichte, in dem sich der
Gründungsmythos der Marke
Lamborghini fokussiert. |
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Zwei junge Männer entwickeln den Prototyp
Schon die Details des Entwicklungsauftrags
verschwimmen ein wenig im Nebel der
Jahrzehnte. Ob
Ferruccio Lamborghini
ursprünglich einen Rennwagen für die Straße
haben wollte oder – was viel
wahrscheinlicher ist – ein schnelles Coupé
für die große Reise, ist heute nicht mehr
ganz zu klären. Fakt ist, dass er für sein
neues Projekt gegen Ende 1962 zwei junge
Ingenieure in Top-Positionen holte. Der
38jährige Giotto Bizzarini, der in Livorno
ein Konstruktionsbüro betrieb, bekam die
Verantwortung für den Motor übertragen. Und
als Chefkonstrukteur unterschrieb ein
gewisser Gian Paolo Dallara – er zählte gar
erst 23 Lenze und stand schon im Ruf eines
technischen Genies.
Bizzarini und Dallara kannten sich aus
Maranello, wo beide verantwortlich am
Ferrari 250 GTO mitgearbeitet hatten. Als
dritter Mann kam der 46jährige Franco
Scaglione ins Spiel, ein gelernter
Flugzeugingenieur und introvertierter
Kettenraucher. Als Designer von Bertone
hatte er in den 50er Jahren die drei
spektakulären „BAT“-Prototypen für Alfa
Romeo gezeichnet und damit seine Vorliebe
für mutige, dramatische Formen dokumentiert.
Sehr wahrscheinlich waren die renommierten
Designstudios wie Ghia, Pininfarina, Vignale
und Bertone an Lamborghinis Plänen nicht
interessiert, weil ihnen für die engen
Terminfenster, die der stets ungeduldige
Firmenchef forderte, die Kapazitäten
fehlten.
Ferruccio Lamborghini
hat die Story
später so erzählt: „Scaglione kam in einem
großen, schimmernden Mercedes in meine
Fabrik, makellos gekleidet und von einer
atemberaubend schönen Sekretärin begleitet.
‚Ihr Auto wird in einer Woche fertig sein’,
sagte er mir. So gab ich ihm den Auftrag.“
Das Herz des Prototyps aber war der Motor.
Bizzarini, der fünf Jahre lang für
Ferrari
gearbeitet hatte, entschied sich beim ersten
Lamborghini-V12 für den klassischen
Zylinderwinkel von 60 Grad und einen Hubraum
von 3464 cm3. Er gab seinem Entwurf eine
Reihe von Details mit, die noch heute als High-Tech gelten: ein leichtes Kurbelgehäuse
aus Aluminium mit eingepressten
Grauguss-Laufbuchsen, eine
Trockensumpfschmierung und vier
obenliegende, von Duplex-Rollenketten
angetriebene Nockenwellen. Eine Batterie von
sechs Fallstrom-Doppelvergasern, die der
Spezialist Weber zulieferte, krönte die
Zylinderköpfe.
Der V12 drehte wie ein Rennmotor
Mit 77,0 Millimeter Bohrung und 62,0 mm Hub
ausgesprochen kurzhubig ausgelegt, erreichte
der Zwölfzylinder Drehzahlen wie im
Rennsport, als er im Mai 1963 zum ersten Mal
auf dem Prüfstand lief. Seine Nennleistung
von 255 kW (347 PS) lag bei 8000 1/min an,
bei 6000 Touren wurden 326 Nm Drehmoment
frei.
Ferruccio Lamborghini, der eine
Leistung um 350 PS verlangt hatte, soll so
angetan gewesen sein, dass er sich den Motor
zur Erprobung in einen seiner Privatwagen
einbauen ließ.
Die späteren Ergebnisse hingegen konnten dem
Firmenchef nicht gefallen, weil sich seine
Top-Techniker nicht eng genug abstimmten, um
die – damals durchaus üblichen – räumlichen
Distanzen zu überbrücken. Dallara hatte
seine Entwicklungsabteilung in den Räumen
von Lamborghinis Traktorenfabrik in Cento
bei Modena eingerichtet; Bizzarini arbeitete
von seinem Büro in Livorno aus, und
Scaglione betrieb sein Designstudio in
Turin, wo die Carrozzeria Sargiotto auch die
Karosserie baute. Den Rohrrahmen für sie
steuerte Marchesi in Modena bei, und das
Chassis – mit der Nummer 0100 – kam von Neri
& Bonacini in Mailand.
Als es im Spätsommer 1963 an den
Zusammenbau der Komponenten ging,
gab es lange Gesichter.
Ferruccio Lamborghini soll das
gesamte Design mit der scharfen
Nase, den Klappscheinwerfern und dem
großzügig verglasten Heck nicht
recht gemocht haben. Zwei weitere
Faktoren kamen dazu: Die Karosserie
war dürftig verarbeitet – eine
Provokation für den streng
qualitätsbewussten Chef. Und der V12
passte nicht unter die flache Haube;
er baute zu hoch und, wie einige
Quellen sagen, auch zu lang. |
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Für eine gründliche Überarbeitung lag der
fest angekündigte Präsentationstermin auf
der Turin Motor Show im November schon zu
nah; Lamborghini entschloss sich zu einer
Notlösung. In der Fabrik wollte er der
Presse den Motor auf dem Prüfstand
vorführen, auf der Messe die fest
verschlossene Hülle des Autos zeigen. Um das
fehlende Gewicht des V12 auszugleichen,
packten die Mechaniker eine Ladung
Keramik-Ziegelsteine in den Motorraum des
Tipo 103, wie das Showcar intern hieß.
Ferruccio Lamborghini aber wandte sich von
der Linie des GTV, des „Gran Turismo
Veloce“, ab und schlug mit der für ihn
typischen Konsequenz einen neuen Weg ein:
Das Serienauto sollte harmonischer aussehen,
einfacher zu bauen sein und einen
alltagstauglicheren Antrieb besitzen.
Scaglione wurde gefeuert, Bizzarini ging im
Streit, und der Tipo 103 wurde gleich nach
der Turin Motor Show in eine Ecke des Werks
gerollt und dort vergessen. 1985 wurde er an
einen Liebhaber verkauft, restauriert und
mit einem Motor versehen.
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Lamborghini-Bilder:
Lamborghini 350 GTV |
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